Scheitern - eine persönliche Geschichte

Die dunkle Jahreszeit ist ja die Zeit der Geschichten. Dieser Tradition folgend, möchte ich dieses Mal eine sehr persönliche Geschichte erzählen. Da sie etwas länger & erst einmal recht schmerzhaft ist, möchte ich dich darauf vorbereiten. Vielleicht ist grad bei dir nicht die Stimmung nach etwas Ernstem? Dann hebe dir diesen Beitrag für später auf. Oder du sagst "Ach komm - erzähl!"?!


Jedenfalls....

Erinnerst du dich an den Jahrhundert-Sommer 2003? Es war für die meisten von uns DER Sommer überhaupt: Schon im Frühjahr war es sommerlich warm, die Sonne schien & die Biergärten lockten zu geselligen Treffen mit Freunden. Damals wohnte ich in der Vulkaneifel & fuhr mit Begeisterung Motorrad. Wer die Eifel dort kennt, weiß warum.

Nach langem Suchen, welches Motorrad ich mir als nächstes holen wollte/sollte, verliebte ich mich in mein Traum-Moped: Eine KTM LC8. Zweizylinder Viertakt-Motor. Freie Alu-Schwinge. Was für ein grandioses Moped! Hoch genug, um bequem zu sitzen. Ausreichend Leistung um mit Spaß & Freude die Kurven zu zirkeln. Ein tolles Gerät!


Mit unseren Freunden hatten wir im Sommer 2003 viel vor:

Gleich als erstes unsere alljährliche Pfingst-Tour in der Eifel. Zu 10t 3 Tage lang tolle Touren durch unsere Gegend & ausgelassene Freude auch in der Zeit, in der wir nicht fuhren. Pfingsten war für uns mit den Jahren DAS Highlight geworden.


Spaß, tolle Touren & Benzin-Gespräche mit lieben Freunden war geplant.

Eine Woche vor Pfingsten holte ich mein neues Motorrad beim Händler ab. Was war ich aufgeregt! Noch nie hatte ich so viel Geld für etwas ausgegeben. & was machte mir das fahren Freude! Schon die Tour nach Hause war der Knaller & bestätigte mir: Es war die richtige Entscheidung gewesen! Okay: 100 PS auf 1 Liter Hubraum – das wollte schon beherrscht werden. Doch hatte ich ja genau dafür im nächsten Monat das Fahrsicherheitstraining gebucht. Für mehr Sicherheit & Souveränität...

So beruhigte ich mich.

Beste Motorrad-Truppe - Lebensretter ´03

Pfingsten 2003

Samstagmorgen frühstückten wir gemeinsam in der Morgensonne. Der Wetterbericht versprach: Sonne satt & Temperaturen über 30 Grad. Der ein oder andere Motorradfahrer neigt bei diesen Temperaturen zu eher spärlicher Bekleidung – wir nicht. Wir alle zogen unsere schweren Monturen an – Safety First!

Hast du eine Ahnung was kommt?


Nach dem gemeinsamen Tanken zu Beginn unserer Tour wunderte ich mich, warum unser Tourguide des Tages die Route mit der Baustelle einschlug. Ich hoffe es ist bis hierher deutlich geworden: Bei aller Freude am Fahren auf zwei Rädern stand bei mir & meinen Freunden immer die Sicherheit im Vordergrund. Unsere eigene & die der anderen. Trotzdem... Egal wie gut du planst, du hast nicht immer die Kontrolle über alles. Das erfuhr ich an diesem Samstagmorgen.


Auf Rollsplitt verlor ich in einer Kurve die Kontrolle über mein Motorrad, rutschte quer über die Straße, überschlug mich auf dem Weg über den Zaun, pralle an einem Baum ab & schleuderte in hohem Bogen zurück auf die Straße. Von all dem habe ich nichts mitbekommen, doch meine Freunde, die den Unfall mitansehen mussten, berichteten mir erschüttert von diesem Ereignis.


Warum erzähle ich diese Geschichte?

Der Sommer 2003 war für mich direkt an diesem Juni-Tag Geschichte. Aufgrund meiner Verletzungen verbrachte ich erst einmal einige Zeit im Krankenhaus, danach in der Reha & anschließend noch bis zum Herbst auf Krücken zuhause. Meine Ärzte hatten mir prognostiziert: „Frau Schäfer, freunden Sie sich schon mal mit dem Gedanken an: Es könnte sein, Sie verlieren ein Bein. So oder so: vor Ende des Jahres werden Sie mit Sicherheit nicht mehr arbeiten können.“


>>> BÄHM! <<<


An dem Morgen fühlte ich mich komplett gescheitert! Mir war sprichwörtlich der Boden unter den Füßen entzogen worden.

  • Motorrad kaputt. Vermutlich Totalschaden.

  • Ein Bein so kaputt, das ich es vielleicht verlieren könnte & mein ganzer Körper gefühlt ein einziges Hämatom.

  • Meine Freunde hatten, wie sie mir berichteten, den Schock ihres Lebens erhalten.

  • Von einem lustigen Pfingstwochenende konnte auch für sie keine Rede mehr sein.

Ich fühlte mich schuldig.

  • Kein Fahrsicherheitstraining,

  • Kein Sommerurlaub

  • & schon vor dem Unfall lief es beruflich nicht so gut. Ich hatte Angst, wie mein Arbeitgeber reagieren würde, wenn ich ihm von meinem Ausfall erzähle.

Dazu noch die Niedergeschlagenheit, diese mit Herzblut geplante Tour mit meinen Freunden im Sommer nicht mitzuerleben. Ich fühlte mich auf allen Ebenen bestraft & war auch irgendwann wütend. Auf mich, das Motorrad, meine Selbstüberschätzung, die Baustelle mit dem Rollsplitt, unseren Guide der die Route ausgesucht hatte.

Nach & nach rutschte ich zuverlässig in das Tal der Tränen.


(Tal der Tränen? Schau doch mal in diesen Blog-Beitrag, wenn du dich für die J-Kurve interessierst).


Um es abzukürzen:

Im Oktober begann ich, vier Monate eher als von den Ärzten prognostiziert, auf meinen eigenen zwei Beinen mit der Wiedereingliederung in meinem Job. Äußerlich heilte ich & war mehr oder minder die Alte.

Doch in den Wochen der Heilung hatte ich mich gedanklich mit mir, meinem Leben & der Verwundbarkeit dessen beschäftigt. Mein Wunsch nach einem intensiveren, fokussiertem Leben war gereift. Im Nachgang bin ich dankbar für diese Zeit, mich mit meinen Fragen meines Lebens beschäftigen zu können. Es hätte gerne weniger dramatisch sein dürfen (& weniger schmerzhaft), doch war mir, wie vielen anderen auch, erst durch ein solch einschneidendes Erlebnis die Notwenigkeit & Einsicht auf Reflexion gegeben.

Ich fühlte mich komplett gescheitert.


So viel war kaputt & verloren. Doch im Nachgang weiß ich: Es hat sich für mich viel Wertvolles ergeben & ich habe vieles gewonnen. Ich erkannte, dass mein Job nicht der richtige war. Im Jahr darauf gab ich ihn für meinen Traumjob auf. Meine Beziehung zu meinen Freunden ist danach deutlich intensiver geworden, von einigen trennte ich mich aber auch. Mir wurden meine Werte bewusst & ich habe erfahren wozu ich im Stande bin, wenn ich etwas wirklich will.


Unterm Strich, im Schlechten das Gute sehend, würde ich sagen: Durch diesen Unfall habe ich

  • für mein Leben an Qualität gewonnen

  • plus der Erfahrung, wie wichtig der Wille & die Motivation ist (Mindset)

  • die Erkenntnis, dass Mut sich auszahlt

  • & ich mich nicht immer zu 100% perfekt vorbereiten kann.

Heute, als Coach mit dem Schwerpunkt Mindset & Scheitern, ist es für mich eine Herzensangelegenheit meinen Coachees den Zugang zu ihrem Weg zugänglich zu machen. Ein solch einschneidendes Erlebnis, wie einen Unfall, eine schwere Krankheit oder einen finanziellen Bankrott, ist für viele ein Weckruf, aus dem sie rückblickend gestärkt hervor gehen. Doch bin ich aufgrund meiner Erfahrungen der letzten Jahre überzeugt, dass es auch ohne diese Dramatik geht - denn sie ist sehr belastend & geht auch nicht immer gut aus wie in meinem Fall.

Was mir wichtig ist

…ist dir mit meiner Geschichte über mein Scheitern mitzugeben, dass es sich lohnt sich mit dem Prozess des Scheiterns zu beschäftigen. Am besten, wenn es nicht akut ist. Wenn noch alles okay & tiptop ist. Scheitern gehört zum Leben! Diese Erkenntnis ist für mich einer der hilfreichsten & lehrreichsten Schritte hin zu einem intensiveren & erfolgreicheren Sein. Ich erlebe Selbstwirksamkeit, übernehme Verantwortung für mich & lerne mich selbst besser kennen. Was mir in der Zukunft hilft mit den nächsten Herausforderungen gelassener umgehen zu können.

Wer intensiv Sport betreibt, sich auf Wettkämpfe vorbereitet, kennt sich mit Scheitern meist bestens gut aus. Warum, fragst du vielleicht. Stecke ich mir beispielsweise als Stabhochspringer ein Ziel, lege mir die Latte auf die nächste Höhe die ich erreichen will, werde ich die Latte mit Sicherheit ab einem bestimmten Punkt garantiert wieder & wieder reißen. Gebe ich dann auf, dann schließe ich mein Training & meine Laufbahn als Stabhochspringer als gescheitert ab. Bleibe ich jedoch dabei, analysiere, was ich vielleicht besser machen könnte, dann komme ich höher & höher.


Scheitern ist Training.

Vielleicht könnte das auch für dich ein Impuls sein, Scheitern in deinem Leben als Training zu sehen? Gelingt das, entspannt uns das enorm. Gedanklich bin ich dann offener & habe eine zielführende & hilfreiche Fehlerkultur, die mich lernen & besser werden lässt. & wenn wirklich die Höhe gekommen ist, über die ich weder durch mein Talent noch durch mehr Training komme, dann kann ich für mich mit der Gewissheit sagen

„Ich habe alles versucht was mir möglich war.“


Wenn du dich fragst, wie es mir heute geht, dann kann ich dir aus vollem Herzen sagen:

Sehr gut! Ich bin durch & durch ein Optimist, erfreue mich an so vielen Kleinigkeiten, bin dankbar für alles, was mir an Gutem begegnet & tief davon überzeug: Die Herausforderungen meines Lebens werde ich meistern. & wenn ich wieder scheitere, dann heule ich, werde kurz wütend auf die Welt (oder so ;) ), versinke im Tal der Tränen & frage mich dann, wie ich mein Ziel erreichen könnte. Was mir helfen würde.

& dann geht´s wieder :)


Wie gehst du mit Niederlagen um? Was hast du für Strategien, um Rückschläge zu verarbeiten? Wenn du deine Gedanken & Erfahrungen mit mir teilen magst, freue ich mich riesig darüber.


Sei lächelnd gegrüßt

& genieße deine Zeit

Christine



Was ist dir wirklich wichtig in deinem Leben?

PS

& wenn du bis hierher gescrollt hast, weil es dir eigentlich zu viel zu lesen ist.... Magst du meine Geschicht lieber als Podcast hören? Dann klicke HIER & höre das Podcast-Interview von Sophie Frings mit mir (oder schau nach dem Podcast 34 auf ihrer Seite https://www.sophiefrings.de/podcast/)

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