Spannung oder Konflikt? Der Moment, der alles entscheidet

Es gibt diesen einen Moment. Du merkst, da ist etwas. Eine kleine Reibung im Gespräch. Vielleicht ein Kommentar, der komisch hängen bleibt, ein Blick, der eine Idee zu lang dauert, oder ein Tonfall, der dich aufhorchen lässt. & ehrlicherweise hast du zwei Optionen: Du sprichst es an. Oder du lässt es liegen.
Häufig erinnern sich meine Klienten in der Auftragsklärung genau an so einen Moment – & wünschen sich im Rückblick, sie hätten sich (mit dem Wissen von heute) anders entschieden. Denn genau dieser Augenblick entscheidet oft, ob aus einer Spannung ein handfester Konflikt wird – oder ob das Ganze in einem klärenden Gespräch endet, das die Beziehung sogar stärker macht als vorher.
Klingt banal? Ist es nicht – eher normal. Die meisten von uns übergehen diesen Moment nämlich routiniert. Wir schlucken, lächeln, machen weiter – & wundern uns drei Wochen später, warum wir bei der kleinsten Kleinigkeit explodieren.
Warum wir den Moment so gern verpassen
Harmonie fühlt sich erstmal sicherer an als Reibung – vor allem, wenn du wie viele Frauen früh gelernt hast, Wellen zu glätten statt welche zu schlagen. Das Problem: Was wir nicht ansprechen, verschwindet nicht. Wir sammeln es unbewusst, & es wandert – vom Gespräch in den Körper, in die Laune, in die nächste eigentlich unwichtige Diskussion, die dann völlig überproportional eskaliert.
Auch das höre ich oft in meinen Coachings: dass so eine Spannung „wie ein Stein im Magen lag" oder „noch Tage später in den Ohren nachhallte". Irgendwann muss es raus – für das Gegenüber meist überraschend, für einen selbst eher wie ein Ventil, das sich endlich öffnet.
Dahinter steckt oft ein Mechanismus, der es in sich hat:
Was wir bekämpfen, stärken wir. Jeder Konflikt, den du aktiv wegdrückst oder runterschluckst, kostet Energie – & genau die Energie füttert ihn. Er wird größer, nimmt mehr Raum ein, in deinen Gedanken & irgendwann auch in deinem Handeln. Bis es schwerer fällt, ihm aus dem Weg zu gehen, als ihn einfach anzusprechen.
Der Unterschied zwischen Spannung & Konflikt
Lass mich das kurz definieren:
Spannung ist formbar. Da ist Irritation, aber noch keine Position, die verteidigt werden muss. Eine Ahnung, aber noch keine Bewertung. Bei einem Konflikt dagegen hat sich meist schon etwas festgesetzt – Es gibt Fronten, & das Gefühl, jetzt nicht mehr nachgeben zu können, ohne das Gesicht zu verlieren.
Systemisch betrachtet heißt das:
Je früher du eingreifst, desto mehr Raum & Zeit etwas zu gestalten hast du noch. Genau darauf ist Coaching-Arbeit ausgerichtet – nicht auf die Analyse, wer wann was falsch gemacht hat, sondern auf den Punkt, an dem sich noch etwas verändern lässt - um im Bild zu bleiben: Trotz der Spannung noch etwas biegen zu können. Deshalb schaue ich mit meinen Coachees selten zurück auf den Streit selbst, sondern eher auf den Moment kurz davor: Wir sammeln in Ruhe, was genau passiert ist – & schauen dann gemeinsam, was sich daraus machen lässt. Die gute Nachricht dabei: Der Moment, in dem sich etwas ändern lässt, ist immer nur eine Entscheidung entfernt. Auch wenn er erst noch vor dir liegt ;)
Ein Beispiel aus dem Alltag
Im Job:
Dein Kollege übernimmt in der Besprechung wieder deinen Punkt & präsentiert ihn als seinen. Du spürst den kurzen Stich. In diesem Sekundenbruchteil entscheidest du: Ignorieren & innerlich ein Eintrag im Quittungsbuch notieren. Oder kurz & sachlich einhaken: "Schön, dass wir da einer Meinung sind – den Gedanken hatte ich eben schon eingebracht." Das eine nährt einen schleichenden Konflikt. Das andere klärt die Sache in drei Sekunden.
Oder zuhause:
Die Spülmaschine ist voll, seit Tagen räumt sie nur einer aus. Kein Beinbruch, eigentlich. Trotzdem fühlt es sich an, als würdest du & dein Anteil bei der Hausarbeit übersehen. Du kannst schweigend weiter ausräumen & innerlich mitzählen. Oder kurz sagen: „Mir ist grad aufgefallen, dass ich das seit Tagen allein mache – lass uns das anders aufteilen." Klingt nach Kleinkram. Ist aber selten wirklich einer – dahinter steckt fast immer die stille Frage: Werde ich hier gesehen & wertgeschätzt, oder nicht?
Der kleine Check für den nächsten Moment
Wenn du merkst, dass da eine Spannung ist, frag dich kurz:

Ist das gerade wirklich klein
– oder tue ich nur so, damit ich's nicht ansprechen muss?
2. Was passiert, wenn ich es jetzt liegen lasse
– wo taucht es wieder auf?
3. Was bräuchte es, um es in einem Satz zu klären,
statt in einer Grundsatzdiskussion?
Gerade jetzt!
Wir leben in Zeiten, in denen Reibung an jeder Ecke lauert – im Job, in der Familie, in gesellschaftlichen Debatten. Genau deshalb lohnt sich der kurze Blick auf diesen einen Moment umso mehr. Nicht, weil Harmonie wichtiger ist als Ehrlichkeit – sondern weil ein rechtzeitiges Wort oft leichter wiegt als ein spätes.
Erinnerst du dich an einen Moment, von dem du heute genau weißt "Da ist es gekippt"? Die gute Nachricht: Es braucht nur eine Entscheidung von dir, um es anzugehen – & die nächste liegt noch vor dir. Es kann bleiben, wie es ist, & größer werden. Oder du gehst es an & lässt den Druck raus. Für das eine brauchst du mich nicht. Für das andere bin ich gerne an deiner Seite. Meld' dich, wenn wir reden sollen.
Bis dahin wünsche ich dir eine entspannte Zeit.
Deine
Christine
vom
KOMMUNIKATIONSbuffet



Kommentare