Zu viel Resilienz ist auch nicht gesund

Warum Resilienz kein Allheilmittel ist
Eine Frau aus meinem Umfeld ist vor Kurzem Mutter geworden. Nach wenigen Monaten Elternzeit ist sie wieder voll ins Arbeitsleben eingestiegen, die Betreuung teilt sie sich partnerschaftlich auf. Modern, gut organisiert, alles im Griff – zumindest von außen. Auf den zweiten Blick zeigt sich ein anderes Bild: Sie übernimmt trotzdem den Großteil des Mitdenkens für ihr Kind, hat ständig ein schlechtes Gewissen, der Arbeit nicht genug gerecht zu werden & schafft es trotzdem, abends noch mit Freundinnen loszuziehen – auch wenn sie eigentlich erschöpft ist. Nach außen läuft alles. Nur zu sich selbst sagt sie kaum jemals Nein.
Ein Muster, das ich immer wieder sehe: Menschen, die sich selbst als belastbar, flexibel & unkompliziert erleben – & genau deshalb übersehen, wann die eigene Belastungsgrenze längst erreicht ist.
Was Resilienz wirklich ist
Resilienz kommt aus dem Lateinischen resilire – abprallen – & wurde ursprünglich in der Materialkunde verwendet, für Werkstoffe, die nach Verformung in ihre Ausgangsform zurückfinden. In der Psychologie beschreibt der Begriff die Fähigkeit, Krisen, Stress oder Rückschläge zu bewältigen – im besten Fall sogar gestärkt daraus hervorzugehen.
Entscheidend dabei: Resilienz ist kein fester Charakterzug, den man entweder hat oder nicht. Aktuelle Forschung beschreibt sie als dynamischen Prozess – als Zusammenspiel aus persönlichen Eigenschaften, sozialen Beziehungen & Umweltfaktoren. Es ist wichtig, dies als aktiven Prozess zu sehen. Die bekannteste Langzeitstudie zum Thema, geführt über 40 Jahre von der Psychologin Emmy Werner, zeigt: Resilienz verändert sich über die Zeit & unter unterschiedlichen Lebensbedingungen – & sie ist erlernbar.
Was das bedeutet: Resilienz ist kein Bonusprogramm, das man automatisch erhält, weil man eine Krise überstanden hat. Krisen sind Nährboden, kein Garant. Ob aus einer schwierigen Erfahrung tatsächlich Widerstandskraft wächst, hängt davon ab, ob die richtigen Ressourcen & Schutzfaktoren aktiv genutzt werden – nicht davon, wie viel man durchgehalten hat. Genau das ist der Denkfehler, der zur „Superkraft“-Erzählung führt: Durchhaltevermögen wird mit Resilienz verwechselt, obwohl es oft das Gegenteil davon ist.

Wo Resilienz kippt: 4 Warnzeichen
1. Erschöpfung wird nicht mehr wahrgenommen
Müde sein gehört einfach dazu – „das ist doch normal mit Kind“ oder „im Job ist das eben so“. Erschöpfung wird nicht mehr als Warnsignal gelesen, sondern als Grundzustand hingenommen. Genau das macht sie gefährlich: Was als normal gilt, wird nicht mehr hinterfragt.
2. Grenzen gelten für alle – nur nicht für sich selbst
Anderen gegenüber wird Verständnis gezeigt, Rücksicht genommen, Raum gelassen. Bei sich selbst verschiebt sich die Grenze immer weiter nach hinten. „Nein“ bleibt ein Gedanke, ausgesprochen wird es kaum – am wenigsten sich selbst gegenüber.
3. Es ist niemals genug
Egal wie viel geleistet wird: Das schlechte Gewissen bleibt. Nicht genug Zeit fürs Kind, nicht genug Einsatz im Job, nicht genug Präsenz für Freundinnen. Das Gefühl, allen gerecht werden zu müssen, lässt keinen Moment zu, in dem „genug“ auch mal reicht.
4. Durchhalten wird mit Stärke verwechselt
„Ich schaff das schon“ wird zum Reflex statt zur bewussten Entscheidung. Weitermachen gilt automatisch als Stärke – Innehalten dagegen schnell als Schwäche. Dabei ist die eigentliche Stärke oft die, rechtzeitig zu erkennen, wann eine Pause keine Option, sondern eine Notwendigkeit ist.
Was echte Resilienz stattdessen bedeutet
Wenn Resilienz ein aktiver Prozess ist, der auf Ressourcen & Schutzfaktoren aufbaut, dann gehört genau das dazu, was in der „Superkraft“-Erzählung meist fehlt: die Fähigkeit, sich Unterstützung zu holen, Kontrolle abzugeben & die eigenen Grenzen ernst zu nehmen, statt gegen sie anzuerbieten. Nicht das Durchhalten macht resilient, sondern das Wissen, wann man selbst an der Reihe ist – & der Mut, das auch umzusetzen.
Eine andere Frau aus meinem Umfeld musste in der Schwangerschaft mit ihren Zwillingen mehrere Wochen unter strenger Aufsicht im Krankenhaus liegen – von einem Moment auf den anderen durfte sie nichts mehr selbst erledigen, um eine gefährliche Frühgeburt zu verhindern. Sie schaffte es fast bis zum Ende der regulären Schwangerschaftszeit, stand danach noch eine schwere Spontangeburt durch. Wochen voller Ungewissheit, Zweifel & Bangen. Genau diese Erfahrung hatte tief eingeprägt, wie sehr die Sorge um ihre Kinder von nun an ihr Alltag sein würde. Als ihre Ärztin Wochen später endlich grünes Licht für den ersten Ausritt gab, übernahmen ihr Mann & ihre Mutter für zwei Stunden die Aufsicht. Es kostete sie sichtlich Überwindung, dieses Vertrauen zuzulassen & die eigenen Bedürfnisse nach den Wochen des Bangens wieder als wichtig zu empfinden. Doch sie ließ los, stieg auf & ritt los – mental frei. Das ist die andere Seite von Resilienz: nicht die Fähigkeit, alles selbst zu stemmen, sondern die Fähigkeit, sich selbst nach einer Krise die eigenen Bedürfnisse wieder zu erlauben.
Was jetzt?
Zwei Frauen, zwei völlig unterschiedliche Wege. Die eine sagt zu allem & jedem Ja, nur nicht zu sich selbst. Die andere musste nach Wochen der Angst & des Kontrollverlusts erst wieder lernen, sich selbst zu erlauben, wichtig zu sein. Der Unterschied liegt nicht in der Belastung, die beide tragen, sondern darin, ob sie sich selbst die Erlaubnis geben, auch die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen – gerade dann, wenn Sorge & Verantwortung sich tief eingeprägt haben.
Genau hier setze ich in meiner Arbeit an: nicht dabei helfen, noch mehr durchzuhalten, sondern dabei, die eigenen Grenzen wieder wahrzunehmen – & sie auch auszusprechen. Als deine bezahlte beste Freundin auf Zeit begleite ich dich dabei, herauszufinden, wo deine Resilienz wirklich wächst – & wo sie nur Druck kaschiert. Buch dir dein kostenfreies Erstgespräch – montags & mittwochs nehme ich mir dafür Zeit.



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