Das traditionelle Weihnachtsstreiten - Hauptsache eine Tradition?

Da ist diese Erinnerung an eine Zeit, in der meine Freunde ohne eigene Familie rund um Weihnachten immer besonders genervt waren. Da hieß es: Geschenke kaufen (um jeden Preis & sei es ein Gutschein), die Feiertage durchtakten, damit man auch wirklich bei allen mal war, denen es wichtig war (man beachte genau die Worte ;)) & ein gewisses hilfloses Gefühl von „Es ist doch eh jedes Jahr dasselbe: Wir sind mit Menschen in einem Raum, mit denen man unterm Jahr keine zehn Sätze tauscht, müssen viel zu viel Essen essen, Geschenke schenken & auspacken, die niemand wirklich will, & es wird garantiert mindestens einmal laut & verletzend miteinander gestritten." Punkt.
Kurz vorweg, falls du's eilig hast: Der Impuls in diesem Artikel ist simpel – rede vorher, nicht erst am Tag-X. Wie genau, liest du unten. Wenn du magst, nimm dir aber kurz Zeit für den Weg dahin – der lohnt sich.
Für alle anderen:
Feste wie Hochzeiten, Kindergeburtstage & eben Weihnachten – überall derselbe Anspruch: perfekt muss es sein. Instagrammable, unvergesslich, reibungslos. Nur bei einem Fest bleibt die Organisation traditionell (noch) in Familienhand: Weihnachten – bevor auch dafür der erste Eventplaner sein Portfolio erweitert. & genau da zeigt sich, wie brüchig dieser Perfektionsanspruch in der Realität ist.
HALLO?
Verzeih mir, doch ich möchte mit diesem Mythos der Perfektion im Zwischenmenschlichen an dieser Stelle einmal aufräumen: Perfektion wird definitiv überbewertet!
Der Perfektions-Mythos
Ja, selbstverständlich ist es romantisch, wenn wir einen Liebesfilm gucken & zwei fast makellose Menschen eine perfekte Hochzeit an einem für sie perfekten Ort (also: für die Kamera ;)) feiern sehen. Oder Kinderfilme, in denen Spiel & Spaß ohne Grenzen selbstverständlich Begehrlichkeiten im eigenen Nachwuchs wecken – oder aber in der Eltern-WhatsApp-Gruppe. Nicht, dass ich eigene Erfahrung hätte, aber auch ich habe Freunde. & somit ist das sicherlich nicht ganz aus der Luft gegriffen. Wo ich aber sehr eindrückliche eigene & auch Erfahrungen aus meiner Coaching-Praxis habe, ist Weihnachten. Das Fest der Liebe, das es für uns am liebsten sein soll.
Meine Weihnachten von früher
Als ich vor einem halben Leben bei meiner besten Freundin das erste Mal Weihnachten verbringen durfte, erlebte ich etwas für mich wirklich Magisches: Eine große Familie war versammelt, um einen festlich geschmückten Baum, in einem festlichen Raum. Es duftete nach köstlichem Essen, das die Oma wirklich groß aufgefahren hatte. Jeder bekam ein Geschenk, & die Freude, auch über Kleinigkeiten, war riesig. Das alles kannte ich vorher nur aus Filmen. Doch anders als in den Filmen, die damals noch nach gut 90 Minuten ein Happy End hatten, lebte diese Familie 24/7 miteinander. Sie hatten das ganze Jahr über Kontakt zueinander. Man sah sich teilweise jeden Mittwochmittag zum lecker selbstgekochten Essen bei der Oma, oder aber bei einem der vielen Geburtstage. & zum Fest der Liebe - an das die meisten in ihren Träumen sehnsuchtsvoll denken.
Was ich sagen will:
Hier war ein ständiges Miteinander. Im Guten wie im Schlechten, denn auch diese tolle Familie hatte schwarze Schafe & Konflikte, die ausgehalten & ausgetragen werden wollten. Diese eigene Erfahrung hat mich sehr dankbar werden lassen, denn je älter ich wurde, desto mehr bekam ich Einblick in Familien, die sich wirklich nur einmal im Jahr, zu Weihnachten, trafen. Wo natürlich jede Gelegenheit fehlte, unterjährig mal eine Spannung oder gar einen Konflikt aufzulösen & Frieden zu finden. Nein, jedes Jahr traf man aufeinander, um ein Jahr aufgestauten Frust & andere negative Gefühle reicher, & doch war da diese gewisse Erwartungshaltung, dass es dieses Jahr bestimmt super harmonisch & liebevoll würde.
Nein. Wie auch?
Das eine ist die Sterneküche, das andere das ehrliche Satt-werden ohne Sodbrennen. Aber wenn dir dieser ganzjährige Kontakt fehlt – & seien wir ehrlich, bei den meisten von uns fehlt er heute –, dann ist das Vorgespräch der Schritt, den du sofort gehen kannst. Nicht perfekt, aber ein Anfang mit der Option für eine Lösung, mindestens aber eine Klärung.
Meine Überzeugung:
Wir müssen uns viel häufiger einander zumuten, damit wir Verständnis, Nachsicht & Langmut (was für alte Worte) füreinander finden. Doch die heutige Realität sieht leider so aus, dass Familienstrukturen oft früh getrennt werden & wir parallel laufende Mehr-Familien-Modelle leben. Nicht ganz da & nicht ganz hier – der Alltag muss funktionieren, sonst funktioniert nichts. Doch ohne Zeit & ein wenig Muße zur Liebe stauen sich selbst einfachste Spannungen zu Konflikten auf. Lernen wir das nicht früh – selbst, am Vorbild von Menschen um uns herum oder durch Profis wie Coaches oder Therapeuten –, dann fehlt uns schlichtweg das Werkzeug, das uns helfen würde, Konflikten den Zündstoff zu entziehen.
Oder aber zu akzeptieren, dass wir mit ihnen auch leben können. Sie sind halt da – kommen &

gehen. Wie Erkältungen. Fehlt uns dieses Werkzeug, agieren wir stattdessen, als wollten wir mit einem Hammer einen Knopf annähen – es ist zum Scheitern verurteilt. & jedes Mal, wenn wir aus Unwissenheit versuchen, den nächsten Knopf einzuschlagen, sind wir frustrierter als das Mal zuvor. So entstehen Glaubenssätze wie „Ich kann's einfach nicht" oder „Nie mach ich's jemandem recht" – & je öfter wir einen Strich hinter so eine Erfahrung gemacht haben, desto schwieriger wird's, es anders zu handhaben. Gestatte mir an dieser Stelle etwas Eigenwerbung: Durch Coaching habe ich es gelernt. & ich war definitiv älter als 30 ;) Also: Coaching kann helfen. Subtil, oder? ;)
Der Impuls: Redet miteinander
Da weder ich noch du das heute im Kern lösen können, möchte ich dennoch heute einen Impuls mit dir teilen, der das nächste Fest ein wenig angenehmer machen könnte: Redet miteinander.
Easy, oder? ;) Aber nein, ich meine das wirklich, wie ich es sage. Kommt miteinander ins Gespräch, nur halt nicht erst am 23. oder 24.12., sondern früher – schon am 7.11., um einfach mal ein Datum zu nennen. Viele Konflikte sind nämlich hausgemacht: Man hat eine hohe Erwartung an sich & andere (denk an das überzeichnete Vorbild vom Anfang, was die Filme & die Perfektion angeht), denkt magische Gedanken (= weiß also zu 100 % was andere wünschen), & dann kommt noch ein gewisser Zeitdruck durch den Alltag dazu. Klar, dass das eine explosive Mischung wird, oder? Also, was kann helfen?
Eine ehrliche Standortanalyse (siehe mein letzter Artikel) – am besten mit mindestens 6–12 Wochen Vorlauf vor dem Ereignis
Ein unverfänglicher, produktiver Termin, 3–6 Wochen vor dem Ereignis – um miteinander ehrlich ins Gespräch zu kommen hinsichtlich der beiderseitigen Erwartungen
Liebe, Wertschätzung & ein gutes Maß an Mut & Ehrlichkeit – für dich selbst & für andere
So gehst du's konkret an
Das mit der Standortanalyse hatten wir ja schon. Ist es zu lange her, dass du den Artikel gelesen hast? Kein Thema: HIER ist der Link. Erstelle dir also deine ganz persönliche, ehrliche SWOT-Analyse. Damit hast du nämlich deinen Fahrplan klar vor Augen. Leg sie beiseite, lass sacken, was du geschriebe & erfahren hast. Schau wieder drauf & mach einen Termin mit den Menschen, die dein enger Kreis für das Event sind. Bei Weihnachten sind es meist die Mitglieder deiner Kernfamilie: Eltern, Geschwister, Großeltern, Kinder, Partner – du kennst sie besser als ich ;) Dann kommt die schwierige Frage: Wer ist die eine Person, mit der du unbedingt reden musst, damit die Spannung sinkt & ein Konflikt vermeidbarer wird? Ruf sie als erstes an.
Ich spreche damit ausdrücklich nicht davon, dass du Konflikte zu 100 % umgehen kannst – versteh mich da bitte richtig. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass es trotzdem knallt. Mit Traditionen bricht man nicht so leicht. Doch wenn es zum lauten Konflikt kommt, dann halt nicht an Weihnachten, der Hochzeit oder dem Kindergeburtstag. Sondern: vorher. Losgelöst vom eigentlichen Ereignis.
Das hat verschiedene Vorteile: Einerseits haben viele bei so einem Vorgespräch weniger Hemmungen, offen & ehrlich zu sein – sie laufen nicht Gefahr, der schwarze Peter zu sein der die Stimmung vermiest, es hat ja noch Wochen bis zum Fest. Andererseits kommen vielleicht endlich auch mal die wahren Gründe & Auslöser zur Sprache, für die im Eifer des Konflikts in den letzten Jahren weder Raum noch Kopf frei waren. Es lohnt sich in jedem Fall, den Mut für diesen klärenden Schritt aufzubringen.
& wenn's trotzdem knallt?
& wenn sich die Fronten nur noch weiter verhärten? Von einer Kollegin habe ich mir einen Spruch mitgenommen, der mir in solchen Fällen den Rücken stärkt: Das Nein hast du, das Ja kannst du bekommen. Für diesen Fall würde ich es so übersetzen:
Sagst du nichts, hast du es so wie immer.
Machst du mal etwas anders, dann hast du
die Chance auf eine Veränderung.
Dann hast du Klarheit. & nach meiner Erfahrung auch die Erlaubnis dafür, dein eigenes Ding zu machen. Zum Beispiel Nein zu sagen – zu was auch immer. & du darfst das gute Gefühl haben: Du hast es versucht.
Klingt schwierig? Sehr wahrscheinlich, ja. Unmöglich? Nein. Der Punkt ist, eine Begegnung mit der Familie zu haben, die ehrlicher ist & mehr Chancen auf Gelingen hat. Kein utopisches Bild, sondern vielleicht genau die neue Version eures Festes der Liebe – nicht perfekt für andere, sondern für euch.



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